herman de vries

winiarski games (1976/1995)

unser wort zufall stammt aus der sprache der mittelhochdeutschen mystik. es bezeichnet das, was uns ohne deutlich erkennbaren zusammenhang zufällt, eigentlich ein begriff für das nicht erklärbare.

ich habe mich vierzehn jahre intensiv mit dem zufall beschäftigt. zuerst benutzte ich ihn als faktor, der mir entscheidungen abnahm und so die entscheidungen objektivierte. später interessierte ich mich für die natur des zufalls an sich, was zu zahlreichen spekulationen anlaß gab, die zu immer neuen definitionen mit jeweils anderen philosophischen implikationen führte. doch ich kam endlich zu dem schluß, daß ich nicht wußte, was der zufall, mit dem ich arbeitete, eigentlich war. an sich nichts besonderes: wissen sie, was ihre hand oder ihr kopf eigentlich sind?

auch die art und weise, wie der zufall in der bildenden kunst auftaucht, ist ziemlich willkürlich. soweit ich weiß, war in letzter zeit elsworth kelly 1952 der erste, dann kam alfred nipple, der direktor des astrophysikalischen institutes der universität cambridge, u.s.w. er war bei seinen wissenschatlichen untersuchungen auf zufallsprobleme gestoßen und erkannte sofort die kreativen möglichkeiten. er malte einige bilder nach zufällig aufgestellten regeln. das war 1956. der nächste in der chronologie war von graevenitz l958 oder 59, dann morellet. er wollte unregelmäßige optische muster herstellen und benutzte für die farbauswahl in seiner aleotorischen verteilung von 40000 vierecken die geraden und ungeraden zahlen aus dem telefonbuch. das war 1961.

1962 wollte ich an der objektivität meiner leeren, weißen bilder festhalten und doch zu einer form gelangen. ich erkannte beim errichten einer versuchsanordnung mit hilfe des zufalls während meiner damaligen biologischen arbeit sowohl die formgebenden als auch die objektiven möglichkeiten. 1963 haben nees und nake in stuttgart mit zufallsprogrammen aus dem computer begonnen.

1965 kam ryszard winiarski in polen gerade so wie die anderen, aber unabhängig von ihnen und ohne kenntnis ihrer werke, während einer vorlesung in informationstheorie seines lehrers porebski, mit den möglichkeiten des zufalls in berührung. damals begann er damit und ist noch immer mit dem zufall beschäftigt.

als ich winiarski 1967 in warschau besuchte, waren wir beide überrascht von der verwandtschaft unserer werke. die folgerung lag auf der hand - und sagt doch wieder nichts - zufall!

aber ein merkwürdiger zufall ist es doch, daß in nicht einmal einem jahrzehnt unabhängig von einander eine anzahl künstler aus verschiedenen ursachen und aus verschiedenen gründen und mit verschiedenen methoden - telefonbuch, zufallstabellen, würfel - zur arbeit mit dem zufall kamen.

könnten wir sagen, daß sie für uns eine bewußtseinsfunktion erfüllen?

im sanskrit gibt es kein wort für zufall. die indische vedanta philosophie besagt, daß die ganze welt brahma - lila ist, das heißt sie besteht im spiel und durch das spiel brahmas. nipple sagt am ende eines artikels über seine arbeit "anyhow, it is all innocent fun!" der niederländische kulturphilosoph huizinga legt in einem dicken und ernsten buch dar, daß das spiel am anfang der menschlichen kultur stand. morellet schließlich lacht die ganze zeit, wenn er über seine arbeit spricht.

ryszard winiarski gab mir lange keine antwort, als ich ihn in einem brief nach der natur des zufalls fragte. als endlich seine antwort kam, verlor ich sie.

er lädt sie nun ein zum spiel. lassen wir es heute damit enden, daß zufall das ergebnis ist. dank an ryszard, daß er das deutlich macht und daß wir uns dadurch des sinnes des spiels bewußt werden.

viel spaß.

source: herman de vries, '"winiarski, games" [einführung in die ausstellung im kunstcentrum badhuis 24.4.1976]', in herman de vries. to be : texte - textarbeiten - textbilder (Stuttgart 1995) 95-97. Originally in Dutch as 'inleiding bij de tentoonstelling "winiarski, games" in kunstcentrum badhuis', published in De Lingestreek 28 April 1975. Reprinted in exhibition catalogue herman de vries. werken 1954-1980 (Groninger Museum : Groningen 1980) 187.