herman de vries

sanctuarium (1993)

das 'sanctuarium' ist ein respektierter und geschützter raum. der schutz findet mittels eines schweren stahlzauns statt, rund, unzugänglich weil ohne tor, 11 m. durchschnitt, 2.85 m. hoch. der obere teil zu lanzen geschmiedet und mit blattgold vergoldet. in diesem raum ist die natur frei von menschlichen eingriffen, ein schutzraum zur naturmanifestation in einer extremen umgebung. konfrontation: teerdecken, verkehrsführungsstreifen, betonmauern und -ränder, verkehrsanweisungsschilder, zementmasten, lichtkabel und überspannungen, lichter, verkehr im stau und in grossen massen. pkw's und lkw's lassen nur noch von nahem mehr oder weniger ihren menschlichen inhalt erkennen. dazwischen ist das 'sanctuarium' völlig anders. der inhalt jetzt, frühling 1993 noch ganz leer. eine vielversprechende leere. was wird die natur hier tun? sicher wird sie etwas tun, geschehen lassen, auch in dieser giftigen abgas atmosphäre wird sie sich ohne unser zutun manifestieren.

die primäre wirklichkeit, natur, ist eine offenbarung. sie hat uns als manifestation alles lebenswichtige zu sagen. (der rest, kultur, ist ihr beiwerk.) die wahl die ich hier mache, natur sich manifestieren zu lassen und meine formgebung auf schutz und presentierung zu beschränken, zeigt meine haltung dieser offenbarung gegenüber.

was bin ich - woran bin ich beteiligt - was ist mein leben - in welchem zusammenhang steht mein leben - diese grundfragen der philosophie, sie sind in ihrer beantwortung alle in dieser primären wirklichkeit, die sich uns offenbart, enthalten.

"nicht wie die welt ist, ist das mystische, sondern daß die ist" schrieb wittgenstein, mitten in unsicherheit, chaos und verzweiflung an der front im ersten weltkrieg, und, "es gibt allerdings unaussprechliches, dies zeigt sich, es ist das mystische." das 'santuarium' hat allerdings primär nichts mit philosophie zu tun, es ist ein platz wo ein geschehen gezeigt wird, ein platz wo man sehen muss.

naturreservate heissen im englischen sprachraum 'sanctuary'. sanctuarium kommt vom lateinischen sanctus: 'geheiligt, heilig, ehrwürdig'; sancire: 'heiligen; als heilig und unverbrüchlich festsetzen; durch gesetz besiegeln'; sacer: 'heilig'; mit der dt. ableitung sakral: 'heilig, kultisch' und dt. sakrament: 'aus kirchenlatein sacramentum': 'heilige handlungen, religiöses geheimnis, mysterium', usw. all diese deutungen treffen beim 'sanctuarium' mehr oder weniger zu. erinnern wir uns auch, daß kirchen und tempel geschützte räume waren, worin die offentlichkeit sogar verbrecher belassen musste, wenn sie darin zuflucht suchten.

so ist dies stuttgarter 'santuarium' auch eine herausforderung zum schauen und reflektieren und es ist an dieser stelle auch ein sich zur wehr stellen gegen eine bedrohung durch unsere zu einseitig entwickelte technologisch-kommerzielle kultur, und meinerseits sehe ich das auch als eine kulturelle wahl in der erkenntnis der unwissenheit und der notwendigkeit zur einsicht.

die pflanzenwelt, die sich im 'sanctuarium' entwickeln wird, wird am anfang gering sein. 'unkraut' werden es einige bei oberflächlicher betrachtung nennen. jedoch kommt dieser terminus aus einem ganz anderen zusammenhang als wir beim 'sanctuarium' vor uns haben, nämlich aus der situation der auf landwirtschaftliche produktion eingerichteten garten- und ackerfläche. hier hat der mensch einen zustand geschaffen wo bestimmte gewächse in gross- oder kleinflächiger monokultur (kultur!) andere pflanzen als konkurrenten bekämpfen müssen. diese un-kräuter sind aber in einem natürlichen zusammenhang als pioniere für eine neue pflanzenhaut über der kahlen erde wertvoll. un-kräuter sind auch bodenheilpflanzen, pflanzen die den boden heilen und für weiteren pflanzenbewuchs, in sukzession vorbereiten. auch für den menschen sind viele von diesen pflanzenorten, die sich spontan in seiner umgebung (lebensraum) ansiedeln, heilpflanzen. die natur trägt uns diese natürliche beziehungen praktisch an - nur, unsere erkenntniskapazität hat nachgelassen.

die kahle erde des 'sanctuarium' wird sich erst langsam bewachsen. viel zu langsam für menschen, die gleich das fertig vorbereitete endresultat sehen wollen. es gibt kein endresultat - eine natürliche sukzession kann sich zum optimum entwickeln - in mitteleuropa ist das meistens eine waldgesellschaft. ein endstadium gibt es dabei nicht. dieses optimum kann sich über jahrhunderte ausstrecken und doch dynamisch bleiben. nichts geht verloren.

ich erwarte im 'sanctuarium' im ersten jahr kleine kräuter wie gauchheil und melden, später zb. beifuss und brombeeren, danach bäume - vielleicht birken oder grauweiden oder robinien, vielleicht lauft es auch etwas anders ab. das beobachten der menschfreien fläche kann uns viel offenbaren, geduld ist dabei erforderlich. für die realisierung von einer künstlerischen arbeit wie das 'sanctuarium' sind ausser künstlerischer einsicht auch handwerkliche fähigkeiten unerlässlich. in diesem fall kamen diese in guter zusammenarbeit mit schmiedehandwerksmeister fred schmalz aus knetzgau, ein nachbardorf von meinem unterfränkischen wohnort eschenau zusstande.

die kunst ist aber nicht an erster stelle im entwurf des stahlzauns und seiner ausführung zu sehen. das ist der rahmen. das wichtigste findet innerhalb dieses zaunes statt. es sind die pflanzen die sich da ansiedeln, besonders die allerersten kleinen.

ein stuttgarter freund hat mir einen tag nach der aufstellung eine grosse freude gemacht: er schrieb sanctuarium ohne anführungszeichen!

meine poesie ist die welt - ich schreibe sie jeden tag - ich schreibe sie jeden tag neu - ich sehe sie jeden tag - ich lese sie jeden tag - ich esse sie jeden tag - ich schlafe sie jeden tag - die welt ist meine chance - sie ändert mich jeden tag - meine chance ist meine poesie.

eschenau 22 & 27.03.1993

source: herman de vries, 'sanctuarium', in exhibition catalogue Kunst, Natur, Schauspiel / Frank Werner (AV Edition : Stuttgart 1993) [41-45]. Reprinted in to be : texte - textarbeiten - textbilder (Stuttgart 1995) 174-178.