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  • Cees de Boer :: Lebenskunstwerk, die Sprache der Welt zu gewahren
  • "... the pebble-stones,
    beautiful dripping fragments, the negligent list of one
    after another as I happen to call them to me or think of them,
    the real poems ..."

    Walt Whitman: Spontaneous Me
  • Im Werk von herman de vries ist die Natur vom wissenschaftlichen Objekt zum autonomen, poetischen Subjekt geworden. Im ästhetischen Sinn folgt daraus die Konsequenz, dass die Natur nicht länger als modellhaftes Objekt der Kunst gilt, sondern vom vermittelnden Künstler als individuelles Subjekt gewertet wird, als mit-wirkende autonome Identität, als Partnerin im ästhetischen Dialog.
  • Die journale von herman de vries können als ein solcher Dialog aufgefasst werden. Sie sind immer Protokoll einer Reise durch eine Landschaft oder eines Aufenthaltes. Der innere Zusammenhang, in dem die gesammelten Elemente präsentiert werden, lässt auf den ersten Blick an Seiten eines Buches denken.
  • Der Künstler nennt solche Werke journale wegen ihres Protokollcharakters, vergleichbar dem Logbuch eines Schiffs, das die Reise anhand bestimmter Parameter täglich, von Stunde zu Stunde, von Koordinate zu Koordinate dokumentiert. Aber das Logbuch ist nicht die Reise.
  • herman de vries führt übrigens auch eine Art Logbuch bei seinen Wanderungen durch sein 200 km2 großes Atelier, den Steigerwald bei Eschenau, wo er lebt. Die Wege, die er zurücklegt, hält er für jedes Jahr auf einer Generalstabskarte fest, die Schlängellinien bilden das Muster des Blutkreislaufs, mit dem das natürliche Habitat den Künstler nährt.
  • Mit anderen Worten: Die journale sind Lebenskunstwerke.
  • Ein Vorgänger der journale war u.a. der skizzenkoffer I, (1970), 1976-77: Elemente aus Natur und Kultur, an sehr unterschiedlichen Orten gesammelt und schließlich vereint – Erdproben, Steine, Eicheln ('from under the same tree, 1977'), Kräuter, Artefakte, Blüten, Muscheln ('collected by my mother, florida 1958'). Der Reisekoffer ist hier die Manifestation eines konkreten Gedichtes.
  • Von 1976 datiert eine vergleichbare Sammlung mit dem vielsagenden Titel documents of a stream. Und das erste journal, das diesen Namen trug, ist das scottish journal von 1986.
  • Ein Lebenskunstwerk jüngeren Datums ist seit 1999 das große Projekt in Digne-les-Bains. Sein Raum umfasst eine ganze Landschaft; herman de vries konnte dort eine Vielzahl von Konzepten entwickeln und realisieren, die sein Denken über die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Natur weiter akzentuierten.
  • Am Anfang des Projekts in Digne stand der Auftrag, im Musée Gassendi eine Installation zu realisieren, die von Simon-Jude Honnorat (1782-1852) inspiriert war, einer bedeutenden Persönlichkeit aus der Geschichte der Stadt: Er war nicht nur Arzt, sondern auch Botaniker, Geologe, Entomologe, Volkskundler und Philologe. Unter anderem verfasste er das erste französisch-provenzalische Wörterbuch.
  • the botanical cabinet
    fig. 1 cabinet de botanique
    en l'honneur du docteur honnorat
    Das cabinet de botanique en l‘honneur du docteur honnorat (1991-2004) ist wie folgt eingerichtet: In der Mitte des Raumes liegen in einer Vitrine die beiden noch erhaltenen Teile eines großen Herbariums, das Honnorat um 1800 in der Umgebung von Digne zusammengetragen hat. Jede Woche wird eine neue Seite der beiden Bücher aufgeschlagen.
  • Neben einem zeitgenössischen Porträt Honnorats hängt in diesem Raum auch lou camp provençau (1991) von de vries. Mit Buntstift geschriebene provenzalische Namen der lokalen Flora sind hier aneinandergereiht – herman de vries entnahm die Pflanzennamen den Wörterbüchern von Honnorat und Frédéric Mistral. An den beiden Längswänden des cabinet hängen, einander gegenüber, große Tableaus, zusammengestellt aus Pflanzen, die herman de vries in der Umgebung von Digne gesammelt hat. >>>>
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  • text credits
  • Cees de Boer, 'Lebenskunst, die Sprache der Welt zu gewahren' / übersetzung aus dem Niederländischen: Waltraud Hüsmert, in herman de vries : all this here / [Redaktion Barbara Strieder] (Stiftung Museum Schloss Moyland : Bedburg Hau 2009) 29-33 (ill.).