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  • Britta Buhlmann :: herman de vries
  • 'Nichts Neues' von herman de vries, hätte der Titel unserer Ausstellung lauten können, wenn wir nur ein wenig mutiger gewesen wären. Sie hätte so heißen können, wenn wir uns und unserem Publikum mehr zugetraut hätten, wenn wir mehr Vertrauen gehabt hätten in die allgemeine Skepsis gegenüber Trends und Klischees, wenn wir an das Interesse am Bekannten, das meist nur scheinbar bekannt ist, glauben könnten.
  • Aber dann wäre unser Projekt ja am Ende gar nicht nötig gewesen.
  • Warum geht es also?
  • Es geht um Wahrnehmung.
  • meine poesie ist die welt - lautet der von herman de vries festgelegte Obertitel des Projektes. Er steckt den Rahmen, zeigt Weite und Offenheit, in denen begleitende Gedanken sich entfalten können.
  • aus der heimat - ist der für Schweinfurt entwickelte Teil der Ausstellung überschrieben. Nähe und Vertrautheit werden hier angekündigt. In der Umsetzung mögen Vielfalt und Fremdheit gerade im Selbstverständlichen und Nähen deutlich werden.
  • Die Auswahl der Würzburger Exponate ergab den Titel - von den pflanzen. Im Folgenden soll hauptsächlich von ihnen die Rede sein.
  • Obwohl das Zeitalter der botanischen Entdeckungen weit hinter uns liegt, bringt herman de vries Pflanzen ins Museum. Diese Pflanzen sind nicht bearbeitet oder kunstfertig wiedergegeben. Es ist auch nicht Kunst mit Pflanzen, oder Kunst in der Natur. Es sind echte Pflanzen. Dem, der nach dem Grund seiner Entscheidung fragt, erzählt de vries die Geschichte von Liä Dsi und dem Maulbeerblatt:
    • "Ein Mann aus Sung machte für seinen Fürsten ein Maulbeerblatt aus Nephrit. Drei Jahre brauchte er, bis es fertig war. Mit spitzem Messer war es geschnitzt, und Rippen, Stiel und alle feinsten Äderchen waren sorgfältig und dabei doch glatt ausgefürt, so daß, wenn es unter wirkliche Maulbeerblätter gemischt wurde, man es nicht herausfinden konnte.
      Dieser Mann wurde daraufhin wegen seiner Geschicklichkeit in Sung auf Staatskosten unterhalten.
      Der Meister Liä Dsi hörte davon und sprach: 'Wenn die Natur bei der Erzeugung der Geschöpfe alle drei Jahre nur ein Blatt fertigbringen würde, so gäbe es wohl wenig Dinge mit Blättern. Darum vertraut der Berufene auf die Gestaltungskraft des SINNS und nicht auf Weisheit und Geschicklichkeit'"
      .
  • Diesen sinn sieht herman de vries in unserer Zeit nicht nur gefährdet, sondern weitgehend auch verloren. Und so führt er uns Dinge, Pflanzen, scheinbar selbstverständliche Elemente seines und unseres Lebensraumes vor Augen.
    • "die natur und ihre erscheinungen sind eine offenbarung"
  • Daß wir diese offenbarung nicht mehr wahrnehmen können, sieht de vries u.a. in unserer christlichen Kultur begründet. Während frühere Religionen die Kräfte der Natur verehrten und entsprechend eng mit dieser verbunden waren, führte die christliche Missionierung zu einem Bruch mit dem Lebensraum. Heilige Bäume z.B. wurde gefällt, um 'Aberglauben' den Boden zu entziehen. So entstand ein Vakuum, das die neue Religion nicht zu füllen vermochte. Ungefüllte Räume im Bereich der Identität und aus dem Gleichgewicht geratene Relationen waren die Folge. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur wurde empfindlich und nachhältig gestört.
  • In unserer Zeit sind unterschiedliche phänomene wie Land Art, ökologische Interessenverbände, 'grüne' Parteien, ein Boom der Bioläden, die Produkte aus natürlichen Zusammenhängen anbieten, Zeichen der als schmerzlich empfundenen Entfremdung zwischen Mensch und Natur.
  • Das Grosze Rasenstueck by Duerer, 1503
    fig. 1 Das Grosse Rasenstück 1503
    by Albrecht Dürer
    Unsere Sehnsucht - gespiegelt in üppigen Bouquets, die festliche Ereignisse dekorieren, in Kleingarten und Balkonbepflanzungen - richtet sich gen Garten Eden, in dem Mensch und Natur in Einklang miteinander stehen. Ausdruck dieser sehnsucht mag auch eine neue Briefmarkenserie der Bundespost sein, die für den Sommer dieses Jahres avisiert wird. Zwei Marken sind überschrieben "Für die Jugend." Eine davon zeigt einen Maikäfer, die andere einen Hirschkäfer. Beide Tierarten dürften unseren heutigen Jugendlichen nicht mehr selbstverständlich vertraut sein. Sie lernen sie kennen als Motive auf Briefmarken aus Hochglanzpapier. Zur Produktion des Papiers wird Holz benötigt. Um Holz zu gewinnen, werden Bäume gefällt und damit den Tieren ihr natürlicher Lebensraum entzogen. Sie werden weniger, sie sterben aus. Wir erinnern uns ihrer auf Briefmarken. Welcher Zynismus. Beispiele für den Bereich zahlreicher aussterbender oder gefährdeter Pflanzen wären ähnlich zu formulieren. herman de vries sieht, daß es nicht geht ohne eine Gegenbewegung. Er legt eine große Wiese an, in der Pflanzen sich entwickeln können, publiziert 'natural relations' und stellt Pflanzen aus. ... >>>>>
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  • Britta E. Buhlmann, 'herman de vries', in exhibition catalogue herman de vries : meine poesie ist die welt. aus der heimat / von den pflanzen (Städtische Sammlungen : Schweinfurt/Städtische Galerie : Würzburg/galerie d+c, mueller-roth : stuttgart 1993) 15-25 (ill.).
  • image credits
  • fig. 1. 'Das Große Rasenstück', 1503
    Albrecht Dürer / Nürnberg 1471-1528
    Watercolour and bodycolour on vellum
    40.8 × 31.5 cm.
    Inventory Number 3075.